Erlebnisse der Flucht verarbeiten mit Emin da Silva

Laufen als Therapie

Mawlid Abdi Kawrah und Said Bakali sind zwei jugend­liche Flücht­linge. An ihre Flucht haben sie keine guten Erin­ne­rungen. Mit Sport bekom­men sie gemein­sam mit dem Extrem­sportler Emin da Silva den Kopf frei.

Gemeinsam den Kopf frei kriegen: Said Bakali (mitte) und Mawlid Abdi Kawrah (rechts) haben mit Trainer Emin da Silva in Deutschland das Laufen für sich entdeckt.     (Foto:  Philipp Hannappel)

Sie laufen zu dritt, im Gleich­schritt, alle haben ein brei­tes Lächeln auf dem Gesicht, haben sicht­bar Spaß. Und den haben sie, weil sie genau das machen kön­nen, was ihnen eben Spaß macht: das Laufen. Sie, das sind Mawlid Abdi Kawrah, Said Bakali und Emin da Silva. Die drei sind ein Team, aber keines wie jedes andere. Hinter diesem Team steckt eine Geschichte, eine, die unschön ange­fangen, sich jedoch zum Posi­tiven gewandelt hat.

Mawlid Abdi Kawrah und Said Bakali sind zwei jugend­liche Flücht­linge, beide 17 Jahre. Emin da Silva ist ihr Betreu­er beim Arbei­ter-Sama­riter-Bund (ABS) in Bremen, dort wo die beiden unter­ge­bracht sind. Mawlid ist in Somalia geboren und aufge­wachsen. Das Land am Horn Afrikas leidet seit Jahren unter dem andau­ern­den Bürger­krieg und der Al Shabaab, einer isla­mis­tischen Miliz, die weite Landes­teile beherrscht und als regionaler al-Qaida-Ableger gilt. Mit 15 Jahren machte sich Mawlid auf und versuchte in Europa ein besseres und siche­re­res Leben zu finden. Er schloss sich mit ein paar Freun­den einer größe­ren Gruppe an und verließ sein Heimat­land. Seine Familie musste er zurück­­lassen. Über Äthio­pien, Sudan und Libyen kam Mawlid nach Italien, von wo aus er letzt­end­lich Deutsch­land erreichte – ein Jahr dauerte diese Reise. Was er unter­wegs erlebt hat, darüber möchte er nicht sprechen.

Ähnlich geht es in diesem Punkt Said, der vor zwei­ein­halb Jahren sein Heimat­land Marokko verließ. Portugal, Belgien, Dänemark, Schweden – auch Said hat eine lange und beschwer­liche Reise hinter sich, die er alleine bewältigt hat, ohne Freunde, ohne Familie. Alles hat Said zurück­­lassen müssen. Und so wie Mawlid, möchte auch er nicht über die Hinter­gründe seiner Flucht sprechen. Es sind beides keine schönen Geschichten. Bei der Frage danach senkt Mawlid den Blick und schüttelt den Kopf, merklich kommen Erin­ne­rungen bei ihm hoch, die ihn belas­ten, die er noch zu verar­bei­ten hat und die er nicht der Öffent­lichkeit mitteilen möchte.

Bei einem anderen Thema sieht das ganz anders aus, da hebt sich der Kopf wieder und die beiden jungen Männer lächeln. Dann, wenn die Rede von Sport ist, speziell vom Laufen. Laufen als Sport hat Mawlid erst in Deutsch­land für sich entdeckt. Da Silva war es, der ihn und Said auf die Idee brachte. Da Silva ist Extrem­sportler und wurde unter anderem dadurch bekannt, dass er in 67 Tagen von Bremen nach Istan­bul laufen wollte, ihn ein Einrei­se­verbot in sein Heimat­land der Türkei aber kurz vor dem Ziel stoppte. Da Silva, Mawlid und Said verbin­det nicht nur das Laufen, denn auch da Silva fand 1991 Zuflucht in Deutschland.

Gemeinsam den Kopf frei kriegen: Said Bakali (links) und Mawlid Abdi Kawrah (rechts) haben mit Trainer Emin da Silva in Deutschland das Laufen für sich entdeckt.    (Foto:   Philipp Hannappel)

Damit war da Silva der perfekte Anlauf­punkt für die beiden. „Wir sind ihm sehr dank­bar für seine Hilfe. Wenn man in ein fremdes Land kommt, kennt man nieman­den und weiß nicht, was man machen soll“, sagt Mawlid. Jetzt weiß er es. Beruf­lich möchte er Kran­ken­pfleger werden, nach­dem er seinen Real­schul­abschluss gemacht hat. Die Schule ist die Nummer eins, das Wich­tig­ste, betont er. Die Nummer zwei ist aber das Laufen, und Mawlid hat Talent. „Er weiß noch gar nicht, wie groß sein Poten­zial ist“, sagt da Silva. Mawlid selbst wusste gar nichts davon, dachte er könnte gar nicht so gut laufen. Doch mittler­weile ist er begeis­tert von der Sport­art. Beim Trail Relay am Schwane­weder Hügel­grab schlug Mawlid bereits seinen Lehr­meister über eine Distanz von 7,7 Kilo­metern. „Auf der Stre­cken­länge ist er bereits schneller als ich“, gibt da Silva zu und ergänzt: „Wenn der Schüler besser als der Lehrer ist, dann war der Lehrer gut.“ Da Silva wurde somit Zweiter, gefolgt von Said, und Vierter wurde Steffen Wagner, eben­falls vom ASB und „ein wich­tiger Helfer für Mawlid und Said“, betont Emin.

Die Teamwertung ging aller­dings nicht an die Vier. „Wir müssen wohl etwas bei der Anmel­dung falsch gemacht haben und sind somit nur als Einzel­läufer gestar­tet“, sagt da Silva. Schade aber nicht beson­ders schlimm, denn Haupt­sache das Quartett hatte seinen Spaß. Ohne Sport wären sie nicht zusam­men­ge­kom­men und würden sich nicht so wohl fühlen wie der­zeit. „Sport macht den Kopf frei“, sagt Said, der eine Aus­bil­dung zum Maler und Lackierer anstrebt. Er bevor­zuge aber nicht das Laufen, son­dern Fußball. Doch egal welche Art von Sport, er helfe ihnen dabei, sich zu inte­grieren, Freunde zu finden und das Erlebte zu verar­beiten. Eine sport­liche Therapie.

Quelle:    dieser Artikel von Patrick Hilmes wurde veröffentlicht im WESER-KURIER am 03. Januar 2016

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